Entwurf // Urbanes Quartier

Lehrstuhl Prof. Sophie Wolfrum
Architektur B.A. Projektarbeit 15p - Städtebau
Sommersemester 2017

(Bild: Filip Dujardin, Untitled from series ‚Fictions‘) 

 

„Die Stadt ist der Ort, wo divergierende Interessen aufeinandertreffen, wo Konflikte bewußt
und ausgetragen werden. Die urbane Stadt ist Bühne und Gegenstand gesellschaftlicher Konflikte
und politischer Auseinandersetzungen.“

(Walter Siebel, Was macht eine Stadt urban?,1994)


Urbanes Quartier

Wird von einer „urbanen“ Situation oder einem „urbanen“ Stadtviertel gesprochen, haben wir sofort konkrete Bilder, Situationen oder Atmosphären vor Augen die wir aus eigener Erfahrung kennen. Dabei handelt es sich in der Regel um lebendige, vielfältige, pulsierende Orte in der Stadt mit einer hohen Dichte an verschiedenen Bewohnern, Räumen, Atmosphären und Ereignissen. In der Neugestaltung von Stadträumen ist diese Mischung von Nutzungen, Bewohnern und Aktivitäten aus planungsrechtlichen Gründen bisher nur schwer zu ermöglichen. Eine Adaption an vorgefundene städtische Situationen sowie differenzierte Anforderungen ist bislang kaum möglich, da Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Verkehr noch immer Sinne einer funktionalistischen Vorstellung von Stadt getrennt voneinander geplant werden. Aufgrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen kommt gegenwärtig eine neue Dynamik in die Diskussion der durchmischten Stadt. Der enorme Mangel an Wohnraum und der hohe Entwicklungsdruck in stark wachsenden Städten machen den Paradigmenwechsel, der in der theoretischen Auseinandersetzung mit der Stadt längst vollzogenen ist nun auch in der Praxis notwendig. Das „Urbane Gebiet“, das gegenwärtig als neue planungsrechtliche Kategorie umgesetzt wird, soll die Grundlage für eine Entwicklung von Stadtquartieren mit hoher Dichte, stark durchmischter Nutzung und kurzen Wegen bilden. Die große Herausforderung in Hinblick auf diesen neuen Quartierstypus ist die Gestaltung von Mischungen, Überlagerungen und Durchlässigkeiten als komplexe stadträumliche Einheiten. Der Entwurfskurs nimmt dies als Ausgangspunkt um in München auf einen innerstädtischen Entwicklungsperimeter ein „Urbanes Quartier“ zu entwerfen. In der gestalterischen Auseinandersetzung mit dem Thema werden dabei die Beziehungen zwischen Innen und Außen, Körper und Raum, privat und öffentlich in den unterschiedlichen Maßstäben Haus, Block, Quartier untersucht. Städtebau wird dabei ausdrücklich als eine architektonische Aufgabenstellung betrachtet.

 

Produzieren und Wohnen an der Dachauerstraße

Das „Urbane Quartier“ wird nördlich der Dachauerstraße und östlich der Landshuter Allee (Mittlerer Ring) auf dem bestehenden Verwaltungsgelände der Bundeswehr entwickelt. Hier befinden sich gegenwärtig Verwaltungs- und Lagergebäude in lockerer Bebauung mit einer starken Durchgrünung und künstlicher Geländemodellierung. Das Areal befindet sich am südlichen Rand des ehemaligen Oberwiesenfeld das zur Jahrhundertwende als Flugplatz genutzt und später als Veranstaltungsort der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 genutzt wurde. Der Olympiapark ist aktuell als Freizeit- und Naherholungsfläche sehr beliebt und hat mit seinen Sport- und Veranstaltungseinrichtungen eine durchgehend hohe Zahl von Besuchern. Für die Olympischen Winterspiele 2018 sollte das Areal von der Bundeswehr frei gegeben werden um für die Dauer der Spiele das Olympische Dorf zu beherbergen und im Anschluss als Wohnquartier nachgenutzt zu werden. Die Pläne zur Umnutzung des Areals liegen seit dem Scheitern der Olympiabewerbung auf Eis. Die Nutzung durch die Bundeswehr besteht aus diesem Grund nach wie vor und bietet für seine innerstädtische Lage und die gute Erschließung deutlich zu wenig Programm und Flächen. Die angrenzenden Quartiere am Goethe-Institut, Heideck, Gern oder die nahegelegene Borstei bilden einen gut funktionierenden Kontext für ein neues „Urbanes Quartier“ an der Dachuerstr. mit einer hohen baulichen und atmosphärischen Dichte. Das Programm weist einem hohen Anteil an Wohnnutzung auf, neben einem Quartiersplatz und öffentlichen Einrichtungen wird auch Produzierendes Gewerbe im Quartier ermöglicht. Die bauliche Dichte des Quartiers sollte eine Geschossflächenzahl (GFZ) von 2.0 nicht unterschreiten und die atmosphärische Dichte wird anhand des Entwurfskonzepts samt Durcharbeitung eines Vertiefungsbereichs sowie mit Hilfe von räumlichen Darstellungen und Visualisierungen entwickelt und überprüft. Der Erhalt bestehender Gebäude sowie des hochwertigen Baumbestands auf dem Entwurfsgebiet wird begrüßt, ist aber nicht explizit gefordert. Die konzeptionelle Entwicklung und Mischung der Programmbausteine ist auf unterschiedlichen Maßstäben zu entwickeln, zu entwerfen und ebenso kritisch zu prüfen. Dabei werden unterschiedliche stadträumliche Strukturen, Bautiefen, Gebäude- und Erschließungstypologien überprüft und zu einem ausdrucksstarken architektonisch entworfenen Stadtraum entwickelt.