DIE PORÖSE STADT

Wahlmodul (M.A. Arch. / M.Sc. Urb.) Wintersemester 2017-18

(Bild: Giorgio Sommer 1834-1914, Napoli)

„Porös wie dieses Gestein ist die Architektur. Bau und Aktion gehen in Höfen, Arkaden und Treppen ineinander über. In allem wahrt man den Spielraum, der es befähigt, Schauplatz neuer unvorhergesehener Konstellationen zu werden. Man meidet das Definitive, Geprägte. Keine Situation erscheint so, wie sie ist, für immer gedacht, keine Gestalt behauptet ihr »so und nicht anders«. So kommt die Architektur, dieses bündigste Stück der Gemeinschaftsrhythmik, hier zustande.“

(Walter Benjamin u. Asja Lacis, Neapel,1924)

 

In Ihrer Beschreibung der Stadt Neapel verwenden Walter Benjamin und Asja Lacis den vielschichtigen Begriff der Porosität um diese in Ihren räumlichen und sozio-kulturellen Eigenschaften zu charakterisieren. Die Überlagerung und Durchdringung von verschiedenen Bereichen wird dabei als grundlegende Eigenschaft des städtischen Raumes beschrieben. Die Perforation von Grenzen und die theatralische Inszenierung der dadurch entstehenden mehrdeutigen Schwellenräume sind dabei in allen Massstäben von besonderer Bedeutung. Sie prägen die Atmosphäre des Stadtraums als dicht gedrängte Struktur der den Raum offen lässt fürs Improvisieren: „Bauten werden als Volksbühne benutzt. Alle teilen sie sich in eine Unzahl simultan belebter Spielflächen. Balkon, Vorplatz, Fenster, Torweg, Treppe, Dach sind Schauplatz und Loge zugleich.“ (1) Das Denkbild der Porosität kann also sowohl in seiner räumlich-morphologischen Dimension als auch in Hinblick auf Situationen, Handlungen und der Aneignung von Räumen gelesen werden. Ausgehend von Benjamins Text, der Porosität im Rahmen einer Reisebeschreibung als Metapher für Neapel verwendet, wollen wir untersuchen inwiefern der Begriff der Porosität im aktuellen städtebaulich-architektonischen Diskurs verortet wird und wie diese Denkfigur im planerischen und entwerferischen Prozess verwendet werden kann. Eine Reihe von ausgewählten Texten bilden die Grundlage auf der die theoretische Auseinandersetzung stattfinden wird. Zusätzlich werden anhand von in München vorgefundenen spezifischen Räumen und Situationen diese Themenbereiche lokal verortet und anhand einer empirischen Untersuchung und die unterschiedlichen Aspekte von Porosität im Stadtraum herausgearbeitet.

Ablauf, Organisation
Das Seminar besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil der Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Textlektüre und kritische Annäherung an die Begrifflichkeit steht am Anfang der Auseinandersetzung. Der Begriff der Porösen Stadt wird unter Aspekten wie z.B. Architektur und Morphologie, Territorium und Strategien, Situationen und Atmosphären diskutiert und in einem zweiten Teil anhand von ausgewählten Beispielen in München empirisch untersucht. Die Beispiele mit unterschiedlichen räumlichen Massstäben, kulturellen Bedeutungsebenen und theoretischen Kontexten werden dabei mit Hilfe von Bild, Zeichnungen und jeweils einem kurzen Text (max. 1 Seite DIN A4) dokumentiert und als Ausstellungsbeitrag für die im März 2018 stattfidende Konferenz „Porous City“ aufbereitet.

Voraussetzung zur Teilnahme an der Veranstaltung ist neben der aktiven Teilnahme an den Seminarterminen, die Lust am Lesen und Diskutieren theoretischer Texte sowie das Interesse für die photographische, zeichnerische und textliche Auseinandersetzung mit städtischen und städtebaulichen Phänomene. Die Arbeit mit dem Seminarreader wird ebenfalls vorausgesetzt. Abgabeleistung der Veranstaltung ist je Teilnehmer die Erstellung 1 Plakats mit den oben genannten Inhalten (Bild, Zeichnung, Text).

Alle Texte sind deutschsprachig und unsere Diskussionen ebenfalls, d.h. fliessende Deutschkentnisse sind Voraussetzung für die erfolgreiche Teilnahme am Seminar. Regelmäßige Präsenz in den Sitzungen und im Rahmen der Ausstellung im Rahmen der Konferenz wird erwartet. Wer mehr als zweimal fehlt, hat das Fach nicht bestanden. Eine Teilnehmer*innenliste wird geführt.